Vom Antrieb bis zur Toilette –
wie der Schienenfahrzeug-Hersteller Siemens neue Züge testet
Immer schön im Kreis herum
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Testgelände, Neige-Test (rechts):
Das Prüfcenter mit seinen beiden Kreisen erinnert aus der Luft an eine Modelleisenbahn.
Fotos: Eifrig (2),
Siemens (4) |
Das Signal springt auf Grün. Holger Jansweid beschleunigt seinen Zug langsam bis auf Tempo 130. Und schaut konzentriert auf die Strecke. Nach etwa vier Minuten passiert er die Stelle, an der er gestartet ist. Dann noch mal und noch mal. „Ich kenne hier jeden Strauch“, brummt Jansweid. Denn der 41-Jährige fährt immer schön im Kreis herum.
Wie auf einer Modelleisenbahn, die jetzt zu Weihnachten wieder viele kleine Eisenbahnfans geschenkt bekommen haben. Nur die hier ist viel größer. Und es gibt keinen Jungen, der vergnügt
am Trafo dreht.
Alles da – nur der
Bahnhof fehlt
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| Vom Antrieb bis zur Toilette –wie der Schienenfahrzeug-Hersteller
Siemens neue Züge testet |
Jansweid fährt für den Konzern Siemens. Der Schienenfahrzeug-Hersteller hat in Wegberg-Wildenrath bei Mönchengladbach ein riesiges Testgelände für neue Züge: Das „Siemens Prüfcenter“ ist das modernste weltweit. Mit allem, was zur richtigen Eisenbahn dazugehört: Kilometerlange Gleise, Weichen, Signale, Oberleitungen, Wartungshallen, ein Stellwerk. Nur der Bahnhof fehlt.
Inzwischen hat der Lokführer mit dem grauen Käppi und der Warnweste die zehnte Runde gedreht. Im Schnitt absolviert jeder Zug 3.000 Kilometer. Das läppert sich für den Tester: „Da kommt pro Jahr locker eine Äquator-Umrundung zusammen.“
Er hat auch jenen Zug getestet, der in einer Halle auf
dem weitläufigen Gelände
mit aufgeblendetem Scheinwerfer durch eine Nebelwand stößt, während die Zuschauer applaudieren.
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| Schwebe-Bahn: Manchmal gelangt eine Lok per Sattelschlepper
von der Siemens-Fabrik ins Prüfcenter –wie dieses 81 Tonnen
schwere Gefährt für Vietnam. Es ist eine Schmalspurlok.
Deshalb konnte sie nicht über DB-Gleise anrollen. |
Die feinen Damen und Herren – es sind vor allem Vertreter einer britischen Eisenbahngesellschaft, die gleich 37 Stück
dieses Exemplars bestellt hat. Und wann immer Siemens das erste Fahrzeug einer neuen Zuggeneration ausliefert, ist das oft Anlass für eine feierliche Übergabe.
Siemens verkauft weltweit. Und da die Bahnen rund um den Globus unterschiedliche Stromsysteme haben, gibt es die auch in Wegberg. Einer
der wichtigsten Kunden ist nach wie vor die Deutsche
Bahn AG.
Früher, zu gemütlichen Bundesbahn-Zeiten, prüfte die DB ihre Züge noch selbst. Doch seit der Bahnreform im Jahr 1994 ist das Sache der Industrie.
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| Extrem-Dusche: Pro Minute prasseln 1.500 Liter auf diesen Zug. Kein Tropfen darf eindringen. |
Die Checkliste reicht vom Antrieb, über Bremsen, Kupplungen, die Klimaanlage, Licht, Türen bis hin zu den Toiletten: Alles muss im Alltagsbetrieb reibungslos funktionieren, auch das Zusammenspiel der komplizierten Technik. Sonst drohen dem Hersteller saftige Strafen.
Egal ob ICE oder Straßenbahn: Den Prüfmarathon absolviert jedes Fahrzeug, das
aus der Fabrik kommt. Jahr für Jahr durchlaufen 50 bis 100 Züge die Tests, die meist vier Wochen dauern. Handelt es sich aber um einen Prototypen, sind es auch schon mal bis zu neun Monate.
Test mit Seife
und Klopapier
Sebastian Heinrich misst mit seinem Laptop gerade die Steuerungselektronik eines Regionalzuges durch, der aus drei silbrig lackierten Waggons besteht. Dafür benötigt er, inklusive der Funktionstests, insgesamt 50 Stunden. „Ein Riesenaufwand – aber wir gehen da ganz auf Nummer sicher“, sagt der Energieanlagen-Elektroniker.
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| Feierliche Übergabe: Diese strahlende Erscheinung geht an ein britisches Eisenbahnunternehmen. |
Eine ganz andere Prüfung hat der rote Zug zu bestehen, den eine Rangierlok ganz langsam durch eine Beregnungsanlage schiebt. Die Schleusen öffnen sich, und Minute für Minute prasseln 1.500 Liter Wasser auf das Gefährt. Kein Tropfen darf nach innen gelangen. Nach zehn Minuten ist das Duschbad beendet. Und der rote Blitz für die Bulgarische Staatsbahn leuchtet jetzt noch kräftiger als vorher.
Im Prüfcenter wird ein Zug auch schon mal kräftig gekippt, während ein Mann ihn mit einer Digi-Kamera von allen Seiten fotografiert. Um festzuhalten, wie stark er sich neigt. Zweck des Versuchs: Da die Gleise in den meisten Kurven nach außen hin etwas angehoben sind, legt sich ein Zug automatisch nach innen, darf dabei aber nicht dem Gegenverkehr in die Quere kommen.
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| Der „Kilometer-Fresser“: Holger Jansweid kommt im Jahr locker auf eine Äquatorumrundung. |
Lokführer Jansweid wartet jetzt auf einen Beschleunigungstest. Ein Kollege hat das Gleis mit Seife und Klopapier präpariert, was einen netten Schmierfilm ergibt. „Das könnte lustig werden.“ Sagt’s – und dreht auf. Der Zug schlingert leicht, aber: Die Räder greifen, die Fuhre nimmt Fahrt
auf. Und Jansweid kann erneut eine Prüfung abhaken.
Wilfried Hennes
Info: Siemens Prüfcenter
Der Elektrokonzern Siemens testet alle gängigen Zugtypen. Dafür hat er in Wegberg-Wildenrath 28 Kilometer Gleis verlegt – unter anderem in zwei Testringen. Das Prüfcenter beschäftigt rund 250 Mitarbeiter. Außerdem sind auf dem Gelände im Schnitt noch einmal 100 Kräfte von Zulieferern – und anderen Eisenbahnherstellern – tätig. Denn auch Konkurrenten dürfen die Anlage nutzen, gegen ein Entgelt. Anfang 1997 ging das Prüfcenter in Betrieb. Bis heute hat Siemens 105 Millionen Euro investiert. |