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Rabatz um das Unwort des Jahres 2004 – und was es wirklich bedeutet

Humankapital: Wie viel ist unser Wissen wert?

Bild: Der Mensch im Mittelpunkt
Der Mensch im Mittelpunkt:
Auf qualifizierte Mitarbeiter kann kein Unternehmen verzichten.
Foto: Eifrig

Und abends dann, in den Tagesthemen der ARD, da hatte er endlich seinen großen Auftritt. „Humankapital – ich sags ganz unsentimental, wer das Wort benutzt, dem ist der Mensch egal“, bespaßte der Frankfurter Kabarettist Robert Gernhardt die Bildschirme der Nation.

Zuvor durften die Zuschauer aus dem Munde von Moderator Ulrich Wickert vernehmen, dass eine mit Sprachwissenschaftlern besetzte Jury den Begriff „Humankapital“ mit dem wenig schmeichelhaften Prädikat „Unwort des Jahres 2004“ausgezeichnet hatte. „Humankapital“, so argumentierten die Linguisten, meine eigentlich: Ob Maschine oder Mensch, alles egal, alles nur Material.

„Ökonomische Analphabeten“

Eine fragwürdige Behauptung, die völlig außer Acht lässt, was Humankapital eigentlich bezeichnet: den Wert des Menschen für ein Unternehmen, für eine Volkswirtschaft, für ein Land.
Wirtschaftswissenschaftler lässt die Entscheidung am Verstand der Jurymitglieder zweifeln. „Wer in Humankapital ein Unwort sieht, ist ein ökonomischer Analphabet und sollte sich das Schulgeld zurückgeben lassen“, giftet beispielsweise der Dortmunder Ökonom Professor Walter Krämer.

Humankapital – was bedeutet das eigentlich? „Der Begriff bezeichnet das Wissen, das jeder einzelne Mensch durch Ausbildung und Fortbildung erlangt hat“, erklärt der Kölner Wirtschaftsprofessor Jürgen Donges.
Soll heißen: Megamoderne Maschinen und Produktionsanlagen nutzen im betrieblichen Alltag nun einmal reichlich wenig, wenn es keine qualifizierten Mitarbeiter gibt, die sie bedienen. Gut ausgebildete Mitarbeiter mit Köpfchen und reichlich Berufserfahrung stellen also für ein Unternehmen wie auch für eine Volkswirtschaft einen großen Wert da.

Know-how wächst nur bescheiden

Einen Wert des Wissens eben. Und genau den bezeichnet man als „Humankapital“ – das „Vermögen in den Köpfen“. Wie wertvoll die Summe des Know-how in Euro und Cent ist, hat jetzt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) errechnet.
Müssten demnach alle in Deutschland voll Erwerbstätigen sämtliche Schul- und Berufsabschlüsse neu erwerben, so hätte dies insgesamt 3750 Milliarden Euro verschlungen! Und zwar an direkten Ausbildungskosten wie auch in Form von Verdienstausfall während der Ausbildung.

Eine stolze Zahl, sicherlich. Und sie beruht auf dem Stand von 1999 – aktueller ließ sie sich nicht berechnen. In den sieben Jahren zuvor vermehrte sich der Wert des Wissens um 450 Milliarden Euro. Was einem eher dürftigen jährlichen Zuwachs von 1,8 Prozent entspricht. Die wesentliche Begründung der Kölner Experten: Im Untersuchungszeitraum gingen fast 2,4 Millionen Vollzeitjobs verloren.

Uni-Abschlüsse legen zu

Ebenfalls interessant: Die Struktur des Humankapitals hat sich deutlich verändert. So sank der Anteil von Abitur, Berufsausbildung, Meister und Technikabschlüssen am Wert aller Bildungsabschlüsse auf gut 57 Prozent. Dagegen konnten Fachhochschul- und Uni-Abschlüsse im Untersuchungszeitraum um fast 3 auf 13,5 Prozent zulegen. Der Rest von 29,5 Prozent entfällt auf Grund-, Haupt- und Realschulabschluss.

Für den Wirtschaftsexperten Joachim Starbatty von der Uni Tübingen Grund genug, mit der Unwort-Jury hart ins Gericht zu gehen: „Soll man jetzt die Investitionen in Köpfe – die Bildung von Humankapital – unterlassen, nur weil Sprachwissenschaftler den Zusammenhang nicht verstanden haben?“

Ulrich Halasz