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Wo Unternehmen mit Weltruf zu Hause sind und Handarbeit Tradition ist

Solinger Scharfmacher

André Stolz führt eine scharfe Klinge. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Solinger sorgt bei Pfeilring dafür, dass die Scheren der Traditionsmarke richtig scharf werden. Nach dem Schleifen macht er den „Härtetest“, an einem Lappen aus Nesselstoff. Wehe dem, die Schere bleibt stecken.

Bild: André Stolz Bild: Dilek Karaca
Mehr als 150 Betriebe fertigen die weltberühmten Solinger Schneidwaren: André Stolz arbeitet in der Scherenproduktion von Pfeilring, Dilek Karaca kontrolliert Wüsthof-Messer auf Schönheitsfehler, Gabriele Kracht ist Chefin der Firma Credo, die Hornhauthobel herstellt.
Bild: Gabriele Kracht

Oder reißt den Stoff, anstatt ihn sauber zu durchtrennen. Dann ist sie Ausschuss. Körnen, bohren, senken, härten, polieren, vernickeln, reinigen, Gewinde schneiden – und eben das Scharfschleifen: Die Mitarbeiter von Pfeilring legen mehr als 20-mal Hand an, bis eine Schere fertig ist. Bis sie golden oder silbern glänzend oder matt in der Verkaufsverpackung landet. Aufwendig und teuer ist die Herstellung der weltbekannten Schneidwaren. In der 1896 gegründeten Firma werden die meisten Tätigkeiten noch per Hand verrichtet. Präzisionsarbeit „Made in Solingen“. Der Name der berühmten Stadt im Bergischen Land gilt seit Jahrhunderten als Garant für scharfe und stabile Schneidwaren. Scheren, Messer, Zangen, Pinzetten, Hornhauthobel, Rasierklingen: 34 Betriebe mit insgesamt 3.470 Mitarbeitern stellen solche Erzeugnisse her. Sagt die amt-liche Statistik. In Wahrheit sind es aber deutlich mehr.

Die Stadt der Schneidwaren

Denn hinzu kommen noch die zahlreichen Kleinbetriebe mit weniger als 20 Beschäftigten, die offiziell nicht mitgezählt werden. Und davon gibt es hier, typisch für Solingen, besonders viele.
Jens-Heinrich Beckmann, Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltwaren (IVSH), schätzt die Gesamtzahl der Firmen auf über 150 und die der Mitarbeiter auf rund 5.000. In keiner anderen Region leben so viele Menschen von der Schneidwarenproduktion wie in der Klingenstadt. Bundesweit beschäftigt dieser Industriezweig rund 8.000 Menschen.
Der Name Solingen steht für Unternehmen mit Weltruf. Wie Zwilling J. A. Henckels und Wüsthof (die Marke mit dem Dreizack).

Schwacher Dollar kratzte an den Erträgen

Beide Unternehmen fertigen, ebenso wie die anderen Betriebe, die das Solinger Gütesiegel auf ihren Produkten tragen, ihre bekannten Messer ausschließlich im Bergischen Land. Denn laut deutschem Markengesetz darf ein echtes „Solingen“-Erzeugnis nur aus dem Stadtkreis Solingen oder der benachbarten Kommune Haan stammen. Allerdings muss nicht jeder Produktionsschritt hier erfolgen; der Gesetzgeber spricht von „wesentlichen Herstellungsstufen“. Gemeint sind damit, so IVSH-Chef Beckmann, etwa das Ausstanzen oder Schmieden sowie Schärfen und Schleifen der Klingen.

Die Messer von Zwilling und Wüsthof sind ein Exportschlager, vor allem in den USA. Deshalb bekamen die beiden Hersteller 2004 den Sinkflug des Dollarkurses gegenüber dem Euro arg zu spüren. Christian Ellermeier, Vorstandsvorsitzender von Zwilling: „Wir haben im vergangenen Jahr so viel verkauft wie noch nie. Trotzdem blieb der Umsatz mit 210 Millionen Euro auf Vorjahresniveau.“ Weil der Wert des Dollars um 20 Prozent gefallen war, gab es in der Firmenbilanz durch die Umrechnung in Euro trotz höherem Absatz keinen Zuwachs.

Bild: Stefan Troike
Ein scharfes Auge braucht Stefan Troike: Bei der Firma Zwilling richtet er Messer nach, die zuvor gehärtet wurden.

Konkurrent Wüsthof erging es ähnlich. Um auf seinen Schnitt zu kommen, hätte der Unternehmer Harald Wüsthof die Verkaufspreise in den Staaten wegen der veränderten Wechselkurse entsprechend erhöhen müssen. „Aber das gibt der Markt nicht her“, sagt er. Also kratzte der sinkende Dollarkurs an den Erträgen. Die Preise für den Rohstoff Stahl verschärften die Situation noch; sie legten 2004 um 16 Prozent zu. Da stehen die Gewinne schnell auf des Messers Schneide. In Solingen werden aber nicht nur Messer und Scheren hergestellt, wie das Beispiel der Firma Credo zeigt. Sie fertigt Hornhauthobel mit scharfen Klingen.

Gabriele Kracht, die das Familienunternehmen in der vierten Generation leitet und 60 Prozent des Umsatzes im Exportgeschäft erwirtschaftet, setzt längst nicht mehr ausschließlich auf den sterilweißen Hobel. Seitdem sie ihre Fußpflegeprodukte in neuem Design und in frischen Farben verkauft, laufen diese „wieder glänzend“. Ihr Urgroßvater hatte den Hornhauthobel 1924 erfunden.

Wilkinson und Gillette kreuzten die Klingen

Bart ab: Wohl kein anderes Unternehmen steht so für Solinger Klingen wie Wilkinson. Dieses Unternehmen hat kürzlich im Duell der beiden größten Hersteller von Nassrasierern eine messerscharfe Attacke von Weltmarktführer Gillette pariert.

Der Konkurrent hatte Wilkinson wegen angeblicher Patentverletzung verklagt. Beim Erfolgs-Rasierer „Quattro“ mit vier Klingen werde das Drei-Klingen-Patent des Gillette-Rasierers „Mach 3“ abgekupfert, lautete der Vorwurf. Doch die Patentkammer des Düsseldorfer Landgerichts kam zu dem Schluss, dass vier Klingen nicht gleich drei Klingen sind und schmetterte die Klage ab.

Damit ging eine Runde im Klingen-Kampf der beiden Rasier-Giganten an Wilkinson, hinter Gillette die Nummer zwei der Branche. Wie es in der Solinger Fabrik aussieht, darüber kann man nur spekulieren. Fremden ist der Zutritt verwehrt. Fest steht hingegen, dass die Firma seit Jahren nicht mehr in heimischer Hand ist. Die gute alte Solinger Traditionsmarke gehört dem US-Konzern Energizer.

Texte: Wilfried Hennes
Fotos: Eifrig (4)

 

Ein guter Name seit 600 Jahren

„Solingen“ ist ein traditionsreiches Markenzeichen, älter noch als das „Made in Germany“. Bereits vor 600 Jahren wurden in Solingen Schwerter und Degenklingen mit dem Markenzeichen „Me fecit Solingen“ geschmiedet. Übersetzt heißt das: „Ich wurde in Solingen gemacht.“ Als die Engländer dann im 19. Jahrhundert versuchten, deutsche Exporte mit dem Zwangsetikett „Made in Germany“ zu brandmarken, hatten sie nicht zuletzt auch die Solinger Schneidwaren im Sinn. Sie machten den Produzenten in Sheffield zunehmend Konkurrenz.

 

Geschäft ging zurück

Die deutsche Schneid- und Haushaltwarenindustrie schnitt 2004 schlechter ab als im Vorjahr. Sie musste einen Umsatzrückgang von 3,8 Prozent auf 1,58 Milliarden Euro verkraften, berichtet der Branchenverband IVSH.
Während es bei Schneidwaren ein Minus von 2,6 Prozent gab, nahm der Verkauf von Bestecken um 4,4 Prozent und der Absatz von Töpfen und Pfannen um 5,6 Prozent ab.

Erstmals sanken auch die Ausfuhren – und zwar um 1,7 Prozent. Ein Grund: Viele Unternehmen sind stark vom US-Geschäft abhängig. Sie litten deshalb unter dem hohen Eurokurs, der deutsche Erzeugnisse in den Staaten verteuert. Auch das Asiengeschäft stand unter Druck, weil dort ebenfalls viele Kunden in Dollar abrechnen.
Diese Branche erwirtschaftet jeden zweiten Euro im Auslandsgeschäft.
Die deutsche Schneid- und Haushaltwarenindustrie gibt rund 12.300 Menschen Arbeit. Die Schneidwarenhersteller haben 8.000 Mitarbeiter.