Kommentar von Dr. Heinz-Siegmund Thieler,
Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes
der Metallindustrie für Dortmund und Umgebung
Warum sollen wir
länger arbeiten?
Ein paar Stunden mehr, das löst viele Probleme – auch
bei der Sozialversicherung
Die Deutschen werden immer älter. Jungen, die heute
geboren werden, können auf eine Lebenserwartung von durchschnittlich
75 Jahren hoffen, bei Mädchen sind es sogar 81 Jahre. Was machen
wir künftig mit unserer langen Lebens(arbeits)zeit? Wie finanzieren
wir dann unser soziales Netz?
Wie erhalten wir unsere Arbeitskraft? Und wie sichern wir unseren (noch)
gewohnten Lebensstandard?
Viele Fragen. Und doch betreffen sie nur einen Bruchteil der Herausforderungen,
vor denen wir stehen. Daher sind die Lösungsansätze ausgesprochen vielfältig.
Sie reichen von der Streichung eines Feiertages über die Kürzung des
Urlaubs bis hin zur Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne Entgelterhöhung.
Doch nicht wenige halten dagegen, beharren auf der Umverteilung der vorhandenen
Arbeit auf mehr Schultern, einer weiteren Arbeitszeitverkürzung also. Sie
sorgen sich, dass bei einer verlängerten individuellen Arbeitszeit dieselbe
Arbeit mit weniger Arbeitskräften erledigt werden kann, also Stellen verloren
gehen.
Gleicher Effekt wie bei Streichung
von sechs Feiertagen
In ihrem Kern ist diese Befürchtung so alt wie die Angst davor,
dass technischer Fortschritt Arbeitsplätze vernichtet. Sie wurde
schon bei den Weber-Aufständen im 19. Jahrhundert gehegt. Hat sich
aber nicht bewahrheitet, wie wir heute wissen. Der technische Fortschritt
der vergangenen 200 Jahre führte eben nicht in die Massenarbeitslosigkeit,
sondern sorgte für eine gewaltige Erhöhung des Lebensstandards.
Den gleichen Effekt wird auch die Verlängerung der Arbeitszeit mit sich
bringen. Nur eine Stunde mehr pro Woche bringt so viel wie die Streichung von
fünf bis sechs Feiertagen! Die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche entspräche
rechnerisch sogar dem Wegfall von 14 Feiertagen – mehr, als es bei uns überhaupt
gibt.
Mit Einführung der 35-Stunden-Woche – bei vollem Lohnausgleich – sollten
Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Versuch, die Arbeitslosigkeit durch
eine Umverteilung der Beschäftigung abzubauen, ist kläglich gescheitert.
Denn nicht die 35-Stunden-Woche sichert Stellen, sondern ein gefülltes
Auftragsbuch.
Wenn die Arbeitnehmer künftig stattdessen für das gleiche Geld länger
arbeiten, löst das viele unserer Probleme:
- Die Unternehmen werden durch die Mehrarbeit ohne Lohnausgleich
auf der Kostenseite entlastet. Sie können ihre Produkte im In-
und Ausland günstiger
verkaufen, was zu mehr Aufträgen führt. Und sie bekommen mehr
Luft für Investitionen und Neueinstellungen.
- Mehr Aufträge bedeuten
für die Arbeitnehmer, dass ihr Arbeitsplatz
sicherer wird. Wenn die Konjunktur dann richtig brummt, gibt es auch
neue Arbeitsplätze.
- Neue Stellen bedeuten weniger Arbeitslose.
So wird die Bundesagentur für
Arbeit entlastet. Aber nicht nur die.
- Neue Arbeitsplätze führen
nämlich zu einer Entlastung
aller Zweige der Sozialversicherung. Weil mehr Arbeitnehmer Beiträge
einzahlen. Deshalb können die Sozialversicherungsbeiträge,
die derzeit im Schnitt bei insgesamt gut 41 Prozent des Bruttoeinkommens
liegen, gesenkt werden. Niedrigere
Sozialbeiträge führen automatisch zu geringeren Personalzusatzkosten,
die die Arbeitskosten heute noch unnötig in die Höhe treiben.
- Zu guter Letzt sind diese Effekte eine Wohltat für die öffentliche
Hand. Durch sinkende Ausgaben für die Arbeitslosen werden die
Finanzen von Bund, Ländern und Gemeinden entlastet, gleichzeitig
führt die
wachsende Wirtschaft zu höheren Steuereinnahmen.
Anstatt die Verlängerung der Arbeitszeit bei gleichem Geld von vorne herein
abzulehnen, sollten wir nicht mehr die Augen vor den Notwendigkeiten verschließen.
Wir sind verwöhnt und daher gewohnt, auf hohem Niveau zu
jammern. Nur bringt uns das nicht weiter. |