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Immer mehr Unternehmen verabschieden sich vom Jugendwahn

Über 50? Hier sind Sie willkommen!

Bild: Honsel- Personalchef Hellmuth Knauber
Honsel- Personalchef Hellmuth Knauber: „ Kein einziges Mal enttäuscht worden.“

Personalleiter, die Mitarbeiter über 50 nicht mehr einstellen, gehören rausgeschmissen!“ Klare Worte von Professor Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). In die gleiche Kerbe schlägt Monika Funsch, Chefin der Personalberatung „Top Forty“ in Bad Homburg: „Die Belastbarkeit älterer Mitarbeiter ist höher, sie haben jahrelange Erfahrungen. Und wenn ein 55-Jähriger einen neuen Job antritt, wechselt er nicht nach drei Jahren wieder, um den nächsten Karrierekick zu kriegen.“

Im Kopf das Wissen von Jahrzehnten

Stimmt. Wie aber sieht der betriebliche Alltag aus? Läuft es denn nicht oft so, wie beispielsweise beim Telekommunikationsunternehmen Vodafone D2 oder beim Sportartikel-Hersteller Adidas-Salomon, wo das Durchschnittsalter der Beschäftigten bei 34 beziehungsweise 33 Jahren liegt?
Glücklicherweise nicht, wie unsere Recherche ergab. Immer mehr Unternehmen verabschieden sich offensichtlich vom Jugendwahn und geben auch der Generation 50plus eine Chance.

Bild: Norbert Weinhold
Er kann anpacken: Norbert Weinhold bekam deshalb eine neue Chance beim Autozulieferer Honsel in Meschede.
Der Metaller bearbeitet Träger für Vorderachsen. Im Oktober wird er 51 Jahre alt.

Der Autozulieferer Honsel in Meschede hat seit 2003 gleich 16 Mitarbeiter eingestellt, die 50 oder älter waren. Wie den Metaller Norbert Weinhold, der im Oktober seinen 51. Geburtstag feiert. Er arbeitet in der Gießerei des Unternehmens, das Motorblöcke, Zylinderköpfe, Getriebegehäuse, Fahrwerks- und Karosserieteile aus Leichtmetall herstellt. Hier sägt, richtet und entgratet Weinhold Träger für Vorderachsen. Der Mann weiß, was er kann: „Ich stehe seit 32 Jahren im Beruf. Da mach ich den meisten was vor.“

Auch sein Kollege Kazim Yavuz kam wegen seiner langjährigen Berufserfahrung bei dem sauerländischen Unternehmen unter. Der 54-Jährige montiert unter anderem Prüflehren, mit denen die Werkzeuge für die Druckgussteile kontrolliert werden. Und Transporthilfen, beispielsweise für Motorblockgehäuse.
Personalchef Hellmuth Knauber, mit 61 Lenzen selbst ein alter Hase, lobt die gestandenen Kräfte über 50: „Bei diesen Mitarbeitern ist doch das ganze Wissen von Jahrzehnten konzentriert. Ich bin kein einziges Mal enttäuscht worden.“ Zugleich übt er Kritik am immer noch weit verbreiteten Jugendwahn: „Viele Betriebe, die solche Mitarbeiter entlassen, werden es bald bereuen. So geht viel Know-how verloren.“

Bild: Kazim Yavuz
Kazim Yavuz (54) arbeitet bei der gleichen Firma. Die hat seit 2003 insgesamt 16 Bewerber eingestellt, die 50 oder älter waren. Fotos: Eifrig

Der Personaler steht mit dieser Meinung nicht allein da. So hat Georg Gros, Chef des Lackherstellers André Coatings in Willstädt bei Offenburg, zuletzt drei Mitarbeiter über 50 für die Produktion eingestellt. Gros: „Unsere Erwartungen haben sich bestätigt. Die drei sind motiviert und wissen, wo es langgeht. Das ist es doch, was zählt.“

Auch Aesculap im schwäbischen Tuttlingen, ein Unternehmen der B. Braun Melsungen AG, räumt Älteren eine neue Chance ein. Norbert Feldhaus, Personalchef des Herstellers von medizintechnischen Produkten, macht in seinen Stellenausschreibungen selten Altersbegrenzungen: „Im gewerblichen Bereich arbeiten bei uns 184, im Angestelltenbereich 132 über 50-Jährige. Hier sind Können und Fingerspitzengefühl gefragt. Da ist es egal, wie alt der Bewerber ist.“

„Für uns war Manfred Bastian ein Glücksgriff“, freut sich Peter Münster, Geschäftsführer des Flugzeugteile-Herstellers AOA Apparatebau in Gauting bei München. Er hatte einen erfahrenen Mitarbeiter für die Qualitätskontrolle gesucht. Und der 55-jährige Bastian war genau der Richtige. Der Neue war zuvor zehn Monate arbeitslos gewesen, weil sein früherer Arbeitgeber in Konkurs ging. Die Zusammenarbeit mit den jüngeren Kollegen klappt übrigens prima: „Es hat sich schnell ein Vertrauensverhältnis entwickelt.“

Bei der Sautter Industrietechnik in Kenzingen nördlich von Freiburg haben in den vergangenen zwei Jahren sechs Mitarbeiter über 50 einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Einer war sogar 58 Jahre alt. Firmenchef Ulrich Sautter: „Unsere neuen Alten haben keine Flausen im Kopf. Sie arbeiten präzise, konzentriert – und sie denken mit. Bei solchen Mitarbeitern weiß man, was man hat.“

Stellenwechsel mit 56 Jahren

Gut 300 Kilometer Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz – Fritz Scholz und die Burgsmüller GmbH hat das nicht davon abgehalten, einen Arbeitsvertrag zu schließen. Der 56-Jährige war mehr als drei Jahrzehnte in verantwortungsvoller Position in der Fertigung verschiedener Metallfirmen im Raum Köln. Dann drohte die Arbeitslosigkeit, weil sein Arbeitgeber die Produktion ins Ausland verlagerte. Aus dem niedersächsischen Kreiensen kam dann das Angebot vom Maschinenbauer Burgsmüller: Ein Fertigungsleiter wurde gesucht.
„Uns ging es um die fachliche Kompetenz“, sagt Personalleiter Edmund Schulz. „Da spielte das hohe Alter keine Rolle. Wer sich davon abschrecken lässt, macht keine gute Personalarbeit.“

Mit über 50 arbeitslos – da muss man die Flinte noch lange nicht ins Korn werfen. Ältere Mitarbeiter werden von Betrieben oft gesucht

  • als unentbehrliche Wissensträger, deren Know-how das Unternehmen nach vorne bringt,
  • als erfahrene Optimierer für Arbeitsprozesse,
  • als belastbare Mitdenker, die nicht gleich bei jedem kleinen Stress nervös werden und
  • als Spezialisten, die auch einmal ungewöhnliche Lösungswege gehen.

Wilfried Hennes/R.B.

 

Zuschüsse vom Staat

Es gibt für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Zuschüsse, um Qualifizierung zu erhalten oder bei Arbeitslosigkeit eine berufliche Eingliederung zu fördern:

  • Eingliederungszuschuss: Arbeitgeber, die ältere Arbeitnehmer ab 50 einstellen, können Lohnkostenzuschüsse zum Arbeitsentgelt erhalten. Bis zum 31. Dezember 2009 besteht die Möglichkeit einer Förderung (Dauer bis zu 36 Monate).
  • Förderung der Weiterbildung: In Betrieben mit bis zu 100 Beschäftigten wird die Qualifizierung von Arbeitnehmern ab 50 durch Übernahme der Weiterbildungskosten von der Bundesagentur für Arbeit gefördert, wenn der Arbeitgeber das Arbeitsentgelt fortzahlt.
  • Entgeltsicherung: Arbeitnehmer ab 50, die eine im Vergleich zu ihrem vorherigen Verdienst niedriger entlohnte Beschäftigung aufnehmen, erhalten einen Zuschuss von 50 Prozent der Entgeltdifferenz. Die beiden letzten Regelungen sind bis zum 1. Januar 2006 befristet.