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Heute schon gelogen?

Bild: Dr. Heinz-Siegmund Thieler
Dr. Heinz-Siegmund Thieler über Pinocchio und seine Nachfahren

Sicher haben auch Sie schon öfters geschummelt oder Dinge frei erfunden. Und vielleicht sogar bewusst und gewollt das Wort gebrochen, die Unwahrheit gesagt. Viele halten die Lüge als ein nützliches Instrument im Wirtschafts- und Arbeitsleben. Da stellt sich die Frage: Wird die Lüge nur dann als problematisch, unmoralisch oder als abzulehnen angesehen, wenn sie verheerende Folgen verursacht? Zeichnet die Lüge den Lügner als überlegen, sprachgewandt und flexibel im Denken aus?

Bekanntlich haben Lügen „kurze Beine“. Sie erinnern sich vielleicht an das nette Kinderbuch mit dem Titel „Der hölzerne Bengele“. Die Hauptfigur, im Italienischen spricht man von Pinocchio, hat als Weltmeister im Lügen eine extrem lange Nase. Sie verliert das langnasige hölzerne Gesicht erst, als der Pfad der Ehrlichkeit beschritten wird.

Wo aber bleibt im Wirtschaftsleben der „ehrbare Kaufmann“? In der Tat erspart Ehrlichkeit eine aufwendige Recherche. Die Komplexität eines Geschäftsprozesses wird, wenn sich die Geschäftspartner ehrlich begegnen, deutlich vermindert.

Gelegentlich geschieht das Schummeln unbewusst. Aus Bequemlichkeit, um sich Ärger oder Arbeit zu ersparen. Vielleicht will man sich auch nur vor der Verantwortung drücken. Doch es gibt noch andere Erklärungen. Gelegentlich befürchtet der, der die Wahrheit sagt, für dumm gehalten zu werden. So wird auch die Auffassung vertreten, dass der Einsatz einer Lüge ein unverzichtbares Mittel bei der Karriereplanung und deren Realisierung ist. W issenschaftler haben festgestellt, dass der Mensch durchschnittlich alle acht Minuten belogen wird. Während einer zehnminütigen Unterhaltung würden sich danach 60 Prozent aller Gesprächspartner bis zu dreimal belügen.

Im Arbeitsleben gibt es häufig die Situation, dass man nicht bei der Wahrheit bleibt. Schon Bewerber können beim Einstellungsgespräch nicht der Versuchung widerstehen, durch eine übertriebene Darstellung von Erfahrungen sich in den Vordergrund zu schieben. Dabei steht fest, dass demjenigen, der im Zusammenhang mit seiner Bewerbung nicht bei der Wahrheit bleibt, noch Jahre später gekündigt werden kann, auch wenn die Arbeitsleistung möglicherweise gut ist.

Gerade in Zeiten eines wirtschaftlichen Abschwungs findet man häufig unwahre Aussagen, die nur dazu dienen, die eigene Haut zu retten. Und Lügen gehören auch zum politischen Handwerkszeug. So belog der frühere US-Außenminister Colin Powell den UNO-Sicherheitsrat im März 2003. Mit Hilfe von Grafiken und Statistiken erzählte er, dass Saddam Hussein nachweislich im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei. Zwei Jahre später korrigierte er diese Behauptung falscher Tatsachen.

Wie häufig wird in ausgefeilten Power- Point-Präsentationen oder Chart-Analysen Schönfärberei betrieben. Kunden, Kollegen, Vorgesetzte und Aufsichtsgremien werden durch scheinbar objektiven Zahlenspielen getäuscht. Wer sich auf Unaufrichtigkeit einlässt, wird leicht Opfer dieser Doppelmoral. Unwahrheiten können die Grundlage für immer aufwendigere Lügengebäude werden. Irgendwann kommt die Lüge doch heraus. Das Gebäude stürzt in sich zusammen.

Es ist an der Zeit, der Rückbesinnung auf die Tugend der Wahrhaftigkeit den Vorzug zu geben. Wahrheit im Geschäftsleben bedeutet die Stärkung der Kundenbeziehungen. Wahrheit bringt Klarheit. Im Arbeitsleben steht allemal fest, dass sich Schwindeln nicht auszahlt. Denn Lügen ist kontraproduktiv.