Sie malochen mit martialischer Technik. Leisten Überstunden
auch am Wochenende. Und doch sind sie sich einig bei Dirostahl:
Das ist gute Arbeit! Harte Jobs,
klasse Klima
 |
Der Aufsteiger
Erst Bauarbeiter, dann arbeitslos – und schließlich in
dem Remscheider Betrieb die Schmiedelehre absolviert: Sven Kisters
(27) will nächstes Jahr eine Fortbildung zum Industriemeister
starten. Fotos: Eifrig (4) |
Gerade noch war er im Ofen, der glühende Klumpen am Boden. Jetzt
kommt ein grünes Monster auf vier Rädern, nimmt das tonnenschwere
Teil mit seiner gewaltigen Zange – und schiebt es in die Öffnung
eines dampfenden Urviechs. Polternd fällt dessen Hammer. Danach
ist der stählerne Rohling ein bisschen platter.
Hier bei der Karl Diederichs KG (Markenname: „Dirostahl“)
in Remscheid, nordöstlich von Köln, walten rohe Kräfte.
Und mittendrin huscht Sven Kisters (27) hin und her. Der Schmied gibt
dem Mann auf dem Monster, ein sogenannter Manipulator, Zeichen, damit
er mit seiner heißen Ware präzise rangiert. Nach zig ohrenbetäubenden
Schlägen ist die Platte in Form gebracht – und der schwitzende
Kisters kontrolliert die Maße.
 |
Der Jungspund
Von den 470 Mitarbeitern ist jeder zehnte ein Lehrling, wie der angehende
Fräser Hendrik Plücker (20). Das Klima sei gut: „Jeder
hilft jedem. Wir verstehen uns glänzend.“ Nach der Arbeit
geht’s zum Fußballspielen. |
Der junge Mann ist Schmied. Kein Traumberuf. Und doch ist Kisters zufrieden: „Es
macht Spaß, in dem Laden zu arbeiten.“ Der brummt wie nie,
die Achsen, Ringe und Lochscheiben für den Maschinenbau verkaufen
sich gut. Die Mannschaft leistet Überstunden, auch am Wochenende.
Kisters zieht da gern mit: „Schließlich bekomme ich jede
zusätzliche Stunde bezahlt.“ Seit sieben Jahren arbeitet er in der Metallfirma. Zuvor war er am
Bau tätig, verlor seinen Job, heuerte bei Dirostahl an – und konnte
hier eine Lehre zum Schmied absolvieren. Nächstes Jahr beginnt er
eine Fortbildung zum Industriemeister.
Europameister
im Jammern
Menschen wie Kisters, die in ihrem Job aufgehen, scheinen in Deutschland
vom Aussterben bedroht, glaubt man einer neuen Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB). Demnach sind gerade einmal 13 Prozent aller Beschäftigten
mit ihrem Arbeitsplatz rundum zufrieden. Mehr als die Hälfte (55
Prozent) bewerten ihre Arbeitsbedingungen als mittelmäßig.
Der Rest gibt den Betrieben schlechte Noten.
 |
Der alte Hase
Francesco Gatto (55) arbeitet seit 27 Jahren in dem Unternehmen als
Fräser – und vertritt in der Dreherei auch schon mal
den Ausbildungsmeister. Er will bis zur Rente bleiben: „Einmal
Dirostahl, immer Dirostahl.“ |
In die gleiche Kerbe schlägt auch eine neue EU-Studie. Danach sind
die Deutschen wenigstens beim Jammern Europameister. 68 Prozent glauben,
das Leben sei in 20 Jahren schlechter. Im EU-Schnitt sind es nur 49 Prozent.
Doch die Umfragen haben ihre Tücken. Beispiel DGB-Studie: Schon das konsequente Ankreuzen der zweitbesten
Antwort führt automatisch zur Halbierung der Punktezahl und so zu „mittelmäßiger
Arbeit“. Ein Grund dafür, dass die Arbeitgeber so schlecht
abschneiden.
Dass die Stimmung angeblich auch in Deutschlands wichtigstem Industriezweig
Metall und Elektro so mies ist, können Experten kaum glauben. Schließlich
hat die Branche allein in den letzten beiden Jahren 220.000 neue Vollzeitstellen
geschaffen. Nur 6 Prozent der Metaller sind Zeitarbeitnehmer; mehr als
90 Prozent haben laut Betriebspanel 2007 des Instituts für Arbeitsmarkt-
und Berufsforschung einen unbefristeten Vertrag als Stammkraft und arbeiten
ganztags.
 |
Der Chef
Manfred Diederichs leitet das Familienunternehmen in der fünften
Generation. Sorgen um den
Arbeitsplatz braucht man sich hier nicht zu machen: „Wir haben
die Leute auch in der dicksten Krise gehalten.“ |
Das will überhaupt nicht zu der Feststellung des DGB passen, dass
jeder zweite Arbeitnehmer unter unsicheren Bedingungen arbeitet. Kenner
der M+E-Branche verwundert es deshalb nicht, dass eine Umfrage der „Initiative
Neue Qualität der Arbeit“ (INQA 2007) im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums
zu ganz anderen Ergebnissen kommt. Mehrheit stolz
auf ihre Arbeit
Laut dieser Studie sind 76 Prozent der Beschäftigten im Maschinenbau
und 79 Prozent in der Auto-Industrie mit ihrer Arbeit zufrieden. „Stolz
auf ihre Arbeit“ sind 62 beziehungsweise 70 Prozent. Über
alle M+E-Branchen hinweg äußern 70 Prozent, dass ihre Tätigkeit
anerkannt werde, beklagen aber auch zunehmenden Stress.
So ergeht es auch dem Schmied Kisters, der jetzt wieder Überstunden
schiebt. Er sieht das pragmatisch: „Vom Aufschwung haben wir alle
was. Wenn es regnet, musst du den Löffel raushalten.“ Diese
Einstellung zahlt sich aus: 2008 winkt der Belegschaft erneut eine Sonderprämie.
Wilfried Hennes |