Unternehmen und Institute entwickeln Alternativen
Hoffnung für Hamster, Ratte & Co.
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| Mehr Rücksicht: Wissenschaftler sind keine
Tierquäler. Sie setzen alles daran, mit weniger und behutsameren
Versuchen auszukommen. Fotos: picture-alliance/ZB, dpa |
Tierversuche – für Tierschützer sind sie ein Gräuel,
für Forscher oft der Weg zu wichtigen Erkenntnissen: Welche Effekte
haben Chemikalien auf Gesundheit und Umwelt? Wie gut sind die Wirkstoffe
in Arznei und Kosmetik?
Ohne Nager lässt sich das kaum herausfinden. „Bevor nach
langen Vortests ein neuer Wirkstoff gegen Herzrhythmus-Störungen
oder Blutgerinnsel in die klinische Prüfung mit Patienten geht,
steigt die Zahl der Tierstudien bei uns akut an“, berichtet Gabriele Küsters. Sie ist Sprecherin für
das Thema beim Pharma-Unternehmen Sanofi-Aventis.
„Doch, wo es geht, setzen wir auf Ersatzmethoden oder arbeiten
daran“,
sagt Küsters. Und da sind die Frankfurter nicht die Einzigen.
EU fördert
neue Test-Methoden
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| Weniger Stress: Forscher untersuchen Versuchstiere
heute auch schonend im Computertomografen – mit besseren Ergebnissen. |
Fakt ist: Rund 12,1 Millionen Tiere setzten Wissenschaftler 2005 in
den 25 EU-Ländern für Versuche ein, etwa 1,4 Millionen mehr als
drei Jahre zuvor (in nur 15 EU-Ländern). Durch das neue Chemikalien-Gesetz
dürften es viel mehr werden. Tausende Substanzen werden dafür
in Zukunft nachuntersucht.
Um den Anstieg in Grenzen zu halten, fördert die EU die Forschung
an Alternativ-Methoden. Allein 18 Millionen Euro steckt sie in Ersatztests
für Versuche, die besonders viele Tier-Opfer fordern.
Firmen, Unis und Institute tüfteln verstärkt an neuen Methoden.
Das Motto dabei: Tierversuche verringern, verfeinern, ersetzen. Denn
sie sind teuer. Und die modernen Alternativen liefern oft bessere und
detailliertere Ergebnisse.
Beispiel Sanofi-Aventis: Gemeinsam mit Partnern in Unis und Instituten
wollen die Forscher menschliches Herzgewebe aus Operationen im Labor
züchten. Damit könnten sie neue Wirkstoffe ohne Tiere testen
und bekämen zugleich aussagekräftigere Ergebnisse. Noch ist
das Zukunftsmusik. Längst jedoch checken die Forscher die Wirkung
von Substanzen auf die Leber an Leberzellen im Reagenzglas.
Sie messen Effekte im Tierversuch über einen implantierten Chip
oder sie untersuchen die narkotisierte Maus im Computertomografen. Küsters: „Das
Tier hat weniger Aufregung und Stress. Und wir bekommen genauere Ergebnisse – und
benötigen deshalb weniger Tierversuche.“
Beispiel Merck: Forscher des Unternehmens können mit einem Reagenzglas-Test
feststellen, ob Chemikalien Embryos schaden. Sie nutzen dazu biotechnisch
veränderte Eier eines Zierfischs.
Beispiel Forschungszentrum Karlsruhe: Ein Team von Professor Uwe Strähle
entlarvt Umweltgifte mit Hilfe von Fisch-Embryonen. Die reagieren sehr
sensibel auf Chemikalien. Die Auswertung erfolgt per Gentest, das ist
empfindlicher als bisher. Strähle: „Wir konnten damit 14 der
15 von uns untersuchten Gifte genau identifizieren.“
Beispiel BASF: Die Ludwigshafener haben seit vier Jahren ein eigenes
Labor für Ersatzmethoden und stecken jährlich fast 2 Millionen
Euro in die Suche. BASF-Forscher Robert Landsiedel: „Schon jetzt
kommen wir auf 27 Alternativ-Verfahren.“ Zurzeit arbeitet das Team
an einer Methode, um das Allergie-Risiko von Chemikalien zu prüfen. Inzwischen macht der Konzern ein Viertel der Tests mit Alternativ-Verfahren. „Wir
wollen da aber noch mehr“, sagt Landsiedel. Hoffnungsvolle Aussichten
für Ratte, Maus & Co. Doch ganz ohne Tierversuche geht Forschung
noch lange nicht.
Hans Joachim Wolter |