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Wenn die Plage zum Segen wird: In diesem Betrieb haben die vielgescholtenen Finanz- Investoren 1200 Jobs gerettet

„Es sind eher Honigbienen“

Bild: Heuschrecken in der Provinz
Heuschrecken in der Provinz: Die ausländischen Finanz-Investoren haben das Städtchen Heiligenhaus nur vorübergehend verunsichert. Fotos: picture-alliance, privat, Wirtz (2), Montage: Eifrig

Vor eineinhalb Jahren ging hier die Angst um. In diesem beschaulichen Städtchen nahe Düsseldorf, wo noch die Mähdrescher über die Hauptstraße schleichen, standen 1.500 Arbeitsplätze auf der Kippe. Kiekert in Heiligenhaus, Weltmarktführer bei Autotür-Schlössern, schrieb tiefrote Zahlen. Und wurde verkauft. Von einer „Heuschrecke“ an drei neue „Heuschrecken“.

60 Millionen frisches Geld

Jetzt steht Schichtleiter Jochen Streit in der Produktionshalle – und zieht Bilanz. „Es gab Veränderungen“, sagt er, „aber wenn man seinen Arbeitsplatz behalten kann, macht man das gerne mit.“ Die Stimmung sei wieder „deutlich besser“.

Die Belegschaft ist geschrumpft, von 1.500 auf 1.200, kann aber zuversichtlich nach vorn blicken: Für das übernächste Jahr erwartet das Unternehmen erstmals wieder einen Jahresüberschuss.
„Unsere Investoren erinnern mehr an Honigbienen als an Heuschrecken“, unterstreicht Vorstandschef Karl Krause.

Die Rede ist von den Hedge-Fonds BlueBay und Silver Point, die Ende 2006 gemeinsam mit der Investmentbank Morgan Stanley das Ruder übernahmen.
Mittlerweile haben die Investoren 60 Millionen Euro frisches Geld in die Firma gesteckt. „Sonst hätte Kiekert nicht überlebt“, betont der Firmenchef.

Bild: Kiekert-Chef Karl Krause
Kiekert-Chef Karl Krause: „Die neuen Eigentümer sehen uns nicht als Handelsware.“

Er selbst ist seit Frühjahr 2007 an Bord – und musste erst einmal eine Rosskur einleiten. Zweigwerke in den USA und Großbritannien wurden geschlossen, in allen Bereichen der Rotstift angesetzt. Weltweit blieben am Ende 4.200 von 5.000 Stellen.

Auch in Heiligenhaus blieb nichts, wie es war: Fertigung, Entwicklung und Verwaltung, bis dahin an zwei getrennten Standorten angesiedelt, wurden an einem neuen Stammsitz zusammengelegt.
All das war kein hektischer Umbau, wie Krause betont: „Die neuen Eigentümer sehen uns als Finanzanlage und nicht als Handelsware – das erlaubt uns, einen langfristigen Weg zu gehen. Wir sind jetzt optimal aufgestellt.“ 39 Millionen Auto-Schlösser verließen letztes Jahr die weltweite Produktion. Mit dem „i-close“ bringt Kiekert demnächst eine besonders komfortable Schließtechnik für alle Fahrzeug-Klassen auf den Markt, die es bislang nur im Luxus-Segment gibt.

Die Story klingt zu schön, um wahr zu sein – und passt so gar nicht zum Klischee. „Manche Finanz-Investoren fallen wie Heuschrecken-Schwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter“, hatte der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering im April 2005 gesagt und so eine Debatte über das Gebaren von Hedge-Fonds und Private-Equity-Gesellschaften entfacht.

Die „Fünf Weisen“ heben den Daumen

Bild: Arbeitsalltag bei Kiekert
Arbeitsalltag bei Kiekert: Das Unternehmen ist Weltmarktführer für Autotürschlösser.

Tenor der Heuschrecken-Polemik: Das Kapital macht, was es will, die Arbeitnehmer bleiben auf der Strecke. Bei Kiekert scheint es anders zu sein. Allerdings gibt es zwei Einschränkungen. Erstens hatte zuvor eine andere „Heuschrecke“, die Beteiligungsgesellschaft Permira, eher unglücklich agiert. Und zweitens waren BlueBay, Silver Point und Morgan Stanley schon vor ihrem Einstieg wichtige Gläubiger: Unabhängig von der 60-Millionen-Spritze stunden sie Kiekert die Rückzahlung der Schulden, haben also ein besonderes Interesse an der Zukunft der Firma.

Doch es spricht viel dafür, dass der Fall Kiekert trotzdem typisch ist. Trotz der öffentlichen Aufregung ist sich die Fachwelt seit Jahren einig, dass das Engagement von Finanz-Investoren, die ja in erster Linie das Geld ihrer Anleger mehren sollen, häufig auch dem langfristigen Wohl der übernommenen Firma dient.

„Das Auftreten von Finanz-Investoren führt dazu, dass ohnehin notwendige Anpassungen durchgeführt werden“, urteilte der Sachverständigenrat („Fünf Weise“) schon 2005. Die betroffenen Betriebe würden am Ende „überdurchschnittlich wachsen und mehr Arbeitsplätze schaffen“.

Michael Stark