QUO VADIS
Konjunktur?
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| Joachim
Schmidt-Classen, Geschäftsführer der
Unternehmerschaft Siegen-Wittgenstein und des Verbandes der Siegerländer Metallindustriellen |
Wer derzeit die Beschäftigungslage in der Metall- und Elektro-
Industrie (M+E) unter die Lupe nimmt, zum Beispiel im Kreis Siegen-Wittgenstein, wird auf den ersten Blick
noch keine „Bremsspuren“ feststellen. Viele heimische Unternehmen sind nach wie vor gut bis sehr gut beschäftigt. Das gilt vor allem für den Großanlagen- und Maschinenbau, die Walzengießereien, aber auch größtenteils für den Behälter- und Apparatebau (für die chemische Industrie und den Energiebereich) sowie die im Kreisgebiet ansässigen mittelständischen Röhrenhersteller.
Aktuell gibt es immer noch die für eine Hochkonjunktur typischen Probleme: Es werden händeringend Ingenieure und Fachkräfte gesucht, und die Belieferung mit Vorprodukten stockt. Die Material- und Energiepreise sind teilweise kräftig gestiegen, was allerdings nur zum Teil mit der Konjunktur erklärt werden kann. Darüber hinaus ist es sicherlich positiv, dass die Auslastung vieler M+E-Unternehmen in Siegen-Wittgenstein und in ganz Deutsch- land bis weit in das nächste Jahr hinein (und teilweise sogar darüber hinaus) reicht.
Dennoch häufen sich die Anzeichen,
dass der konjunkturelle Wind zu drehen beginnt. Die Auftragseingänge haben in
den letzten Monaten nachgelassen, weil auch die Weltkonjunktur insgesamt nachlässt. Die kräftig gestiegenen Rohstoff-
und Energiepreise können nur noch zum Teil in den Produktpreisen weitergegeben werden. Und eine deutsche Vorzeigebranche, die Automobil-Industrie, bekommt offenbar die Kaufzurückhaltung vieler Konsumenten als Erste zu spüren. Darüber hinaus belastet der hohe Euro-Kurs zunehmend die deutsche Export-Industrie.
Deshalb wächst insgesamt die Unsicherheit, weil die weitere Entwicklung nur schwer kalkulierbar ist. Und da die Konjunktur immer auch psychologisch
mit Erwartungen verknüpft ist, könnte
dies den wirtschaftlichen „Umschwung“ verstärken. Der Geldmarkt- und Konjunktur-Experte Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, erwartet jedoch keine Rezession in Deutschland.
Er hält richtigerweise nichts davon, in dieser Situation den Teufel an die Wand zu malen. Wie das jüngst der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan getan hat, als er vor einer „Jahrhundertkrise der Weltwirtschaft“ warnte. Keine Frage: Die anhaltenden Turbulenzen am US-Immobilienmarkt, die sich zu einer beträchtlichen Belastung der internationalen Finanzmärkte entwickelt haben und generell die US-Wirtschaft schwächen, haben sich zu einer schweren Krise entwickelt. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 war aber von einem völlig anderen Kaliber. Greenspans Aussagen sind deshalb nicht nur übertrieben, sondern wegen ihrer psychologischen Wirkung außerordentlich schädlich.
Vor diesem Hintergrund müssen die Politik und die Wirtschaft einige Weichen richtig stellen. Bei der im Herbst beginnenden M+E-Tarifrunde sollten sich Augenmaß und Verantwortung durchsetzen. Schließlich lagen hier die beiden letzten Tariferhöhungen bereits mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Gesamtwirtschaft: Seit
Juni 2007 haben sich die Tarifentgelte um stattliche 5,8 Prozent erhöht. Wenn davon so wenig in den Taschen der Arbeitnehmer angekommen ist, liegt
dies an den überhöhten Steuern und Abgaben: Deshalb muss die Politik dafür sorgen,
dass den Arbeitnehmern netto mehr bleibt. |