Trendsport Liegerad:
Know-how aus
dem Autobau mit an Bord
Dreiräder
für große Jungs
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| Bequem wie ein Sofa: Der „Scorpion“ von HP Velotechnik machte die Liegeräder mit drei Rädern salonfähig. |
Na, wie war das beim jüngsten Fahrradausflug mit der Familie? Nach 15 Kilometern schmerzte der Hintern, kurze Zeit später auch der Nacken und die Handgelenke? Probieren Sie’s doch einfach mal mit einem Liegerad!
„Hinsetzen, zurücklehnen, losfahren, und denen zulächeln, die sich gebeugt auf einem normalen Rad quälen – so macht es der erfahrene Liegeradler“, behaupten zumindest Paul Hollants und Daniel Pulvermüller.
Und die beiden jungen Unternehmer müssen’s wissen: Mit ihrer Manufaktur „HP Velotechnik“ in Kriftel vor den Toren Frankfurts sind sie Europas Liegerad-Hersteller Nummer eins. Ihr Clou: Um dem Radler möglichst hohen Fahrkomfort zu bieten, übernehmen die Tüftler gezielt Entwicklungen aus dem Automobilbau.
Vor einigen Jahren stellten die beiden ein Liegerad probeweise auf drei Räder – und
rückten damit näher ans Fahrverhalten des Autos ran. Der „Scorpion“ war geboren. Dieses Dreirad machte die Gattung in Europa hoffähig und zu einem Erfolgsprodukt: Die Hälfte der jährlich produzierten 1.300 Liegeräder (Preis ab 2.000 Euro) kommt inzwischen auf drei Reifen daher.
Hollants und Pulvermüller halten den Trend zu mehrspurigen Rädern für eine logische Entwicklung: „Irgendwann lassen sich Kleinwagen einfach nicht noch kleiner machen. Und am Ende der Entwicklung steht dann das muskelbetriebene Dreirad.“
Luftfederung wie beim Luxuswagen
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| Innovations-Schmiede:
Moderne Räder trumpfen mit Scheibenbremsen, Einzelradaufhängung und Spurstabilisatoren. Fotos: Dressen (3) |
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| Flott gefaltet: Da sage noch einer, ein Liegerad wäre sperrig und nichts für die Großstadt. |
Und was für eins: Einzelrad-Aufhängung wie beim Auto! Federbeine, die in jeder Situation sicheres Fahrverhalten gewährleisten! Sogar der Stabilisator fehlt nicht, der die zu starke Neigung des Fahrzeugs in schnell gefahrenen Kurven verhindert. Und am Hinterrad bügelt eine Luftfederung, wie es sie sonst nur bei Luxusautos gibt, Schlaglöcher weg.
Bei der Entwicklung der Räder setzt der Betrieb mit
seinen 17 Mitarbeitern auf CAD-Software, wie sie auch
in der Großindustrie zum Einsatz kommt. Denn etwa
50 Teile an einem Rad sind Spezialanfertigungen. Hollants: „Bei einem Gefährt
aus dem Baumarkt ist dagegen meist nur der Schriftzug extra gestaltet.“
Stichwort Bremsen: Hier haben sich die Radbauer die Scheibenbremsen bei den Autobauern abgeschaut. Und wenn’s richtig gut sein soll, dann wird auf Seilzüge verzichtet und hydraulisch gebremst. „Hydraulik-Bremsen frieren im Winter nicht fest und Scheibenbremsen haben auch bei Regen Grip“, so die Experten.
Nur bei der Fahrradbeleuchtung war es mal nicht die
Auto-Industrie, sondern der Gesetzgeber, der für Innovationsdruck sorgte. Maschinenbau-Ingenieur Pulvermüller: „Um den Autofahrer nicht zu blenden, muss sich die Beleuchtung am Fahrrad seit jeher mit sechs Volt und drei Watt zufriedengeben. Also mit so gut wie nichts.“ Die LED-Technik brachte hier den Durchbruch von der „Positionsleuchte“ hin zum Licht, das weit reicht und die Straße bei Dunkelheit hell macht.
Für 30 Euro um die ganze Welt
Bleiben wir beim Thema Strom: Beim Hybridantrieb hat der Liegefahrradbau im Vergleich zum Auto sogar die Nase vorn. Moderne Lithium-Ionen-Akkus sind hier längst Standard. Zudem punkten moderne Elektro-Liegeräder mit leichten, leistungsstarken Radnabenmotoren. Pulvermüller: „Da will die Auto-Industrie erst noch hin.“
Logisch: Die im Vergleich zum Auto geringe zu bewegende Masse macht das Dreirad deutlich sparsamer. Eine Akku-Ladung reicht für bis zu 90 Kilometer – wenn mitgestrampelt wird. Die Kosten dafür: bescheidene 7 Cent. Hollants rechnet vor: „Für 30 Euro kann man mit einem Liegerad mit Elektro-Unterstützung theoretisch einmal um die Welt radeln.“
Und zwar ohne schmerzenden Hintern ...
Gerd Dressen
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