Bild: Logo
Bildlink: Zurück zum Inhalt

Pensionslasten drückten die TAG in die Insolvenz – wenige Monate später sind fast alle Jobs gerettet

Mit 90 neu gestartet

Bild: Heißluftballons
Vielzweck-Stoffe: TAG-Ware ist zum Beispiel in Sahnespritzbeuteln und Heißluftballons zu finden, bei Auto-Herstellern gefragt und bei Nato-Armeen.

Eine traditionsreiche Firma hat treue Kunden, gute Mitarbeiter, hochklassige Produkte, marktgerechte Preise – und muss trotzdem Insolvenz anmelden: so geschehen bei der Krefelder TAG. Geschäftsführer Jürgen Farrenkopf erklärt, warum es nach fast 90 Jahren im Geschäft zur Pleite kam. Und wie das Unternehmen ein paar Monate später den Neustart schaffte.

Das größte Problem war im Tagesgeschäft gar nicht zu bemerken: Ein Versorgungswerk für ehemalige Mitarbeiter verschlang 5 Prozent vom Umsatz – Jahr um Jahr. „Wir haben mit 240 Mitarbeitern 800 Rentner versorgt“, sagt Farrenkopf, „so ein Rucksack ist auf Dauer nicht mehr schulterbar.“

Treue Kunden, treue Belegschaft

Dass die Last so schwer werden würde, das war wohl nicht zu ahnen, als vor Jahrzehnten die Pensionszusagen gemacht wurden. Vor dem brutalen Strukturwandel der deutschen Textilindustrie hatte die TAG mehr als 2.000 Beschäftigte.

Bild: Patrick Melzer
Was Betriebsmeister Patrick Melzer hier bearbeitet, wird Sonnenschutz.

Als das Versorgungswerk 1983 geschlossen wurde, hatten die meisten der damals Beschäftigten den Anspruch auf eine spätere Extra-Rente erworben.

Ebenfalls fernab der täglichen Produktion hatten sich zudem frühere Gesellschafter bei Immobilien-Geschäften in den damals neuen Bundesländern verhoben. Als Farrenkopf vor sieben Jahren das Ruder übernahm, lebte das Unternehmen „aus dem Cashflow“ – also von der Hand in den Mund. „Dann genügt eine Umsatz-Delle für die Zahlungsunfähigkeit“, weiß Farrenkopf. Diese Delle kam, als ein Großauftrag ausblieb: Ende 2006 war die alte TAG insolvent.

Zum Glück erkannte auch der Insolvenzverwalter schnell, dass das Kerngeschäft solide war. In Farrenkopfs Worten:
„Es gab keine operativ nachhaltigen Probleme.“ Der Beweis: „Wir haben bis heute keinen einzigen Kunden verloren – und kein Mitarbeiter hat die Firma verlassen, obwohl es Abwerbeversuche gab“, erklärt der Chef, „diese Loyalität ist für mich beeindruckend.“ Umso bitterer, dass nicht alle Kollegen an Bord bleiben konnten.

Bild: Uwe Wendling
Die Anlage von Maschinenführer Uwe Wendling produziert gerade Persenninge. Fotos: dfd, Eifrig (3)

„Wir haben einen verlustträchtigen Bereich dichtgemacht“, räumt Farrenkopf ein, „aber unter dem Strich 220 von 240 Stellen erhalten: Das ist ein vertretbares Ergebnis.“ Eine Transfergesellschaft fing die Gekündigten fürs Erste auf.

Damit nicht alle Lichter ausgingen, musste frisches Kapital her. Der gute Ruf der Firma lockte Geldgeber an: „Wir hatten ein Dutzend potenzieller Investoren auf dem Hof.“ Die TAG-Mehrheit gehört nun der örtlichen Kleinewefers Beteiligungs-GmbH. „Das ist von beiden Seiten auf Langfristigkeit angelegt“, sagt Farrenkopf, „wir wollten keinen Investor, der in ein paar Jahren Kasse macht.“

Betriebsrenten sind geschützt

Mit dem Neuanfang kam ein neuer Name: „TAG Composites & Carpets“. Damit sind die zwei wesentlichen Geschäftsfelder benannt: Die Firma sieht sich europaweit als Marktführer bei der Lohnveredelung von Teppichböden („Carpets“) und als eine der besten Adressen für die raffinierte und innovative Beschichtung von textilen Verbundwerkstoffen („Composites“). TAG-Rollenware steckt zum Beispiel in Auto-Schiebedach-Rollos, in Kampfanzügen und in Förderbändern.

Bild: TAG-Chef Jürgen Farrenkopf
TAG-Chef Jürgen Farrenkopf: „ Die Loyalität der Mitarbeiter ist für mich beeindruckend.“

Weil der Neustart so schnell gelang, hat die verbliebene Belegschaft durch die Insolvenz praktisch kaum Einbußen erlitten. Auch die Betriebsrentner nicht – an sie zahlt nun der Pensions-Sicherungs-Verein. Dass diese Einrichtung in die Bresche springen musste, wurmt den TAG-Chef immer noch: „Ich bin nicht stolz da-rauf, dass die Pensionslast nun von der Allgemeinheit getra-gen werden muss – aber es gab keinen anderen Weg.“

Thomas Hofinger

Info: Pensions-Sicherungs-Verein

Firma pleite – Betriebsrente futsch? Von wegen! Schon seit 1974 schützt der „Pensions-Sicherungs-Verein“ (PSV) die Ansprüche westdeutscher Arbeitnehmer. Als Einrichtung der Wirtschaft mit gesetzlichem Auftrag sichert dieser Verein seit 1992 auch Betriebsrenten in den neuen Bundesländern ab.

Finanziert werden die Leistungen des PSV über eine Umlage der Arbeitgeber: Gut 70.000 Unternehmen sind beitragspflichtig – ihre Zahlungen summierten sich in manchen Jahren auf mehr als 1 Milliarde Euro. Geschützt werden so inzwischen rund 10,2 Millionen Menschen: Betriebsrentner und Arbeitnehmer mit unverfallbaren Anwartschaften.