Digitalisierung: Warum Deutschland umdenken muss: Blickpunkt Wirtschaft

Themen-Special: Digitale Revolution

Digitalisierung: Warum Deutschland umdenken muss

Willkommen: Digitale Technik ist fester Bestandteil unseres Lebens, Teil unserer Identität. Es ist Zeit, dass die beiden sich anfreunden. Foto: Roth

Köln. Manchmal reicht ein abgelehnter Urlaubsantrag, um die Welt zu verändern. Wie an jenem flirrend heißen Morgen in Dallas, Texas, USA. Der Ingenieur Jack Kilby brütet im Labor seines Arbeitgebers Texas Instruments. Er ist allein, die Kollegen haben sich in die Sommerfrische verabschiedet. Kilby hat Stallwache …

Es ist das Jahr 1958, Transistorradios sind gerade der letzte Schrei. Jetzt tüftelt die Elektronikbranche daran, die Bauteile zu verkleinern. Aber der ehrgeizige Jungspund Kilby denkt um. Er setzt auf eine bessere Anordnung der Bauteile, verdrahtet sie auf einem einzigen Träger. Und erfindet so: den ersten Mikrochip! „Ich brauchte schnell eine gute Idee“, wird er später sagen. Doch sein Geistesblitz war nichts weniger als der Startschuss für das Computer-Zeitalter. Und für die digitale Revolution!

Digitalisierung: Wohl noch nie hat eine technische Entwicklung unser Leben so auf links gedreht. „Eine Revolution nie dagewesenen Ausmaßes“, erwartet Klaus Schwab, Präsident des Weltwirtschaftsforums in Davos, bei dem alljährlich führende Politiker und Ökonomen zusammenkommen. Egal ob Arbeitswelt, Medizin, Verkehr – die Digitalisierung verändert alles, wie die Beispiele dieses Themen-Specials zeigen.

50 Milliarden Maschinen, die miteinander reden

Es scheint, als würde es uns alle heute irgendwie doppelt geben, so wie den jungen Mann auf unserem AKTIV-Foto. Einmal aus Fleisch und Blut. Und als digitalen Zwilling. Weil wir alle wie selbstverständlich Computer nutzen, im Web surfen, vernetzt sind. Und oft schon mit Robotern arbeiten. Die Technik hat uns durchdrungen. Die beiden Ichs zu trennen? Unmöglich. Und das ist gut so!

Zugegeben: Was man so hört über die Digitalisierung, Industrie 4.0, kann nervös machen. Vor allem, wenn’s um unsere Jobs geht. Beispiel Amerika: „Etwa 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA könnten wegfallen“, heißt es apokalyptisch in einer Studie der britischen Universität Oxford. Durch den Einsatz von miteinander kommunizierenden Maschinen beispielsweise. Die selbstständig lernen. Und die immer mehr werden, wenn man Christoph Kübel glaubt: „Heute schon kommunizieren sechs Milliarden Geräte und Systeme miteinander übers Internet“, sagt der Arbeitsdirektor des Elektronik-Riesen Bosch. „Und bis 2025 sollen es 50 Milliarden sein.“ Heißt: Informationstechnik, Telekommunikation und Fertigungstechnik verschmelzen. Die Fabrik wird schlau und vernetzt, Roboter werden humanoid.

Ulrich Zierahn bleibt trotzdem gelassen. „Job-Sorgen müssen wir uns nicht machen. Aber umdenken schon“, sagt der Ökonom vom Mannheimer Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Nach seinen Berechnungen sind hierzulande „nur“ 12 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch durch Technik bedroht. Was noch lange nicht heißt, dass es so kommt. „Es werden sicher Berufe verschwinden, andere sich stark verändern. Aber es werden auch völlig neue entstehen.“

So neu ist das nicht. Eine Sekretärin – tut die heute noch dasselbe wie vor 30 Jahren? Und beim ICE – schaufelt da noch einer Kohle rein? Für Zierahn ist es eher das Tempo des Wandels, das viele schmerzt: „Man muss da erst mal mitgehen können.“

Routinetätigkeit, Monotonie – in der kommenden Arbeitswelt steht all das für Menschen auf dem Index, findet der Zukunftsforscher Ayad Al-Ani vom Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin. „Der Mensch wird gezwungen werden, sich weg vom Fließband und hin zu komplexeren und kreativeren Aufgaben zu wenden.“

Spätestens jetzt dämmert einem, was das heißt. „Lebenslanges Lernen wird ein absolutes Muss“, sagt Oliver Stettes. Er ist Leiter des Kompetenzfelds Arbeitsmarkt beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Abgeschlossene Ausbildung? Ist schön, reicht aber nicht! „Wir werden ein Höchstmaß an Flexibilität und Veränderungsbereitschaft brauchen.“

Technologiesprünge machen uns stärker

Laut Institut für Demoskopie Allensbach finden nur 19 Prozent der Bürger den Begriff „Industrie 4.0“ sympathisch. Stettes überrascht das nicht: „Neue Technologie wird anfangs oft als Bedrohung gesehen.“ Bis man den Nutzen erkennt und sich von Robotern schwere Arbeiten abnehmen lässt, mit Datenbrille schneller arbeitet, Teile automatisch ans Band kommen.




Und: Immer, wirklich immer standen wir nach Technologiesprüngen besser da als vorher (siehe Grafik). Stettes: „Es gab mehr Wirtschaftsleistung als vorher.“ Und mehr Jobs.

Die Voraussetzungen, das auch diesmal zu wuppen, sind gut. Schon heute hat Deutschland die weltweit dritthöchste Roboterdichte. Trotzdem waren bei uns niemals zuvor mehr Menschen in Arbeit als derzeit. „Die Digitalisierung bringt jetzt die Chance, die Produktivität enorm zu steigern. Und damit wiederum Jobs zu sichern“, ist ZEW-Forscher Zierahn überzeugt.

Mensch gegen Maschine? Das ist am Kern vorbei. Es geht ums Miteinander. Das müssen wir verstehen, dann geht es gut.

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Blickpunkt Wirtschaft April-Ausgabe 2017