Weiterbildung ist keine Frage des Alters

Mit 40 in die Lehre und dann den Techniker machen? Beim Autozulieferer Bleistahl geht das

Wetter. Kai Krüger hat der Ehrgeiz gepackt. „Ich mache jetzt noch meinen Techniker“, sagt er selbstbewusst. „Das Lernen hab ich ja wieder gelernt.“ Vor kurzem schloss er seine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker ab – mit 42 Jahren. „Ich hab nach der Hauptschule eine Lehre als Fliesenleger abgebrochen. Na ja, ich war halt jung“, erzählt er.

Vor 14 Jahren kam Kai Krüger als ungelernter Arbeiter zur Firma Bleistahl in Wetter. Zuletzt war er sogar zwei Jahre in China, um am neuen Produktionsstandort die Mitarbeiter einzuarbeiten. Aber als er zurückkam und das Unternehmen just zu dem Zeitpunkt eine Weiterbildung anbot, hat es Klick gemacht. Krüger griff zu, wie fünf weitere ungelernte Kollegen. Ein Glückstreffer: Er fühlt sich besser abgesichert, und Bleistahl hat eine Top-Fachkraft mehr.

Lernen ist keine Frage des Alters. „Und ohne gute Mitarbeiter“, sagt Ekkehard Köhler, Geschäftsführer der Bleistahl Gruppe, „geht nichts im Unternehmen, denn die Menschen haben Bleistahl zu dem gemacht, was es heute ist.“ Die Firma produziert seit mehr als 60 Jahren Ventilsitzringe und Ventilführungen für die Auto-Industrie auf fünf Kontinenten.

Wie bekommen wir gute Mitarbeiter? Wie gelingt es, dass sie länger arbeiten können und wollen? Und wie schaffen wir es, dass ihr Know-how nicht verloren geht?

Diese Fragen stehen mit Blick auf den demografischen Wandel in dem in dritter Generation inhabergeführten Familienunternehmen schon länger im Mittelpunkt.

Patenschaften unter Kollegen sorgen dafür, dass wichtiges Wissen erhalten bleibt

Lisa Noack und Ralph Winkler liefern eine Antwort. Ralph Winkler ist 63 Jahre alt, hat in 30 Jahren Betriebszugehörigkeit in Versuchsbau, Konstruktion, Vertrieb und Qualitätsvorausplanung gearbeitet und denkt noch lange nicht ans Aufhören. „Ich bin mit der Firma verwachsen, und es macht Spaß“, sagt er.

„Er kann alle Fragen beantworten“, ergänzt seine Kollegin Noack. Die 26-jährige Chemie-Ingenieurin brennt fürs Produkt, die kleinen, aber unersetzlichen Ringe aus gepresstem und gesintertem Metallpulver: Das entsprechende Spezialwissen lerne man nicht im Studium, sondern von den Kollegen.

„Wir haben uns einmal in der Woche hingesetzt, um die speziellen Eigenschaften unserer Werkstoffe zu lernen“, erinnert sie sich. „Die Älteren haben hier Lust, die Jungen mitzureißen.“

Mit solchen Patenschaften unter Kollegen sollen die Erfahrungen der alten an die junge Generation systematisch weitergereicht werden. Deshalb wurde Bleistahl im vergangenen Jahr als eines von neun Unternehmen mit dem Gütesiegel der Initiative „Demografie aktiv“ von Arbeitsministerium, Gewerkschaftsbund NRW und der Landesvereinigung der Unternehmensverbände ausgezeichnet.

Um den Fachkräftebedarf langfristig zu sichern, setzt die Firma bei der Nachwuchsförderung früh an, etwa mit einem Schülerlabor in Zusammenarbeit mit umliegenden Schulen. Hier können die Kids experimentieren – und nebenbei Geschmack an Metall und Elektro bekommen.

Derweil drückt der ehrgeizige Facharbeiter Kai Krüger fleißig die Schulbank. Noch drei Jahre wird er brauchen, bis er seinen Techniker in der Tasche hat. Das heiß, samstags Unterricht, weniger Zeit für seine junge Familie. Der frischgebackene Zerspanungsmechaniker nimmt das in Kauf. Viel mehr verdienen wird er dann wohl nicht, meint er, „aber das gute Gefühl ist unbezahlbar“.


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