Streit über die Rente: Ein zu hohes Mindest-Sicherungsniveau belastet Beitragszahler: Blickpunkt Wirtschaft

Themen-Special: Altersvorsorge

Streit über die Rente: Ein zu hohes Mindest-Sicherungsniveau belastet Beitragszahler

Köln. Was soll’s im Alter geben? Das wird nun wohl Thema im Bundestagswahlkampf. Sozialministerin Andrea Nahles hat Ende November eine „Haltelinie“ von 46 Prozent vorgeschlagen. Das bedeutet: Allein die gesetzliche Rente soll beim sogenannten Standardrentner (45 Jahre Beitragszahlung aus Durchschnittsverdienst) bis zum Jahr 2045 nie unter 46 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns sinken.

Den einen ist das zu wenig: Der Sozialverband VdK will das Sicherungsniveau auf dem aktuellen Wert von 48 Prozent einfrieren, der Deutsche Gewerkschaftsbund will sogar hoch auf 50 Prozent. Aus Sicht von Ökonomen aber geht Nahles schon zu weit. Bisher gilt laut Gesetz: bis 2030 mindestens 43 Prozent. Den Rentenbeitrag will Nahles jetzt bis 2045 auf 25 Prozent begrenzen, bisher gilt maximal 22 Prozent bis 2030.

Die Änderung verschiebe die Lasten „einseitig auf die jungen Beitragszahler“, urteilt Jochen Pimpertz, Rentenexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Dazu muss man wissen: Absolut gesehen hat der Standardrentner schon nach geltendem Recht 2030 gut ein Drittel mehr zu erwarten als 2016 – nämlich 1.844 Euro brutto im Monat. So die Prognose im neuen Rentenversicherungsbericht. Die Rente ist an die Entwicklung der Löhne gekoppelt. Und selbst wenn die mal sinken, wie in der Krise 2009, darf man die Rente nicht kürzen.

Andererseits: Wenn Deutschland altert und immer weniger Aktive die Rentner finanzieren müssen, darf die Rente nicht ganz so stark steigen wie die Löhne. Sonst reicht das Geld nicht. Den Ausgleich regelt insbesondere der „Nachhaltigkeitsfaktor“ in der gesetzlichen Rentenanpassungsformel. Er schützt die Beitragszahler vor zu stark wachsender Last.

Und wenn die Politik das Sicherungsniveau einfriert? Dann wird der Nachhaltigkeitsfaktor irgendwann außer Kraft gesetzt. Das hat IW-Ökonom Pimpertz modellhaft durchgerechnet, für ein Sicherungsniveau von 47,5 Prozent.

Das Ergebnis ist drastisch. Nachdem ab 2020 die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben ausscheiden, schießt der Beitragssatz (aktuell 18,7 Prozent) schon bis 2029 auf 23,5 Prozent hoch. Zur Veranschaulichung: Würde dieser Satz heute gelten, dann müsste ein Single mit 23.800 Euro Nettoeinkommen im Jahr 665 Euro mehr Beitrag zahlen. Eine vierköpfige Familie mit 39.300 Euro hätte sogar eine Mehrbelastung von 906 Euro.

Und auch die Betriebe müssten entsprechend mehr zahlen. Ingo Kramer, Präsident des Arbeitgeber-Dachverbands BDA, warnt: „Wer drastisch höhere Sozialbeiträge in Kauf nimmt, gefährdet massiv unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit Arbeitsplätze.“

Entschärfen ließe sich das, wenn die Leute länger arbeiten, als bisher angenommen. Im Extremfall könnte man sowohl Sicherungsniveau als auch Beitragssatz konstant halten. Aber dann, so die IW-Modellrechnung, müsste man die Regelaltersgrenze bis 2041 sogar auf 73 Jahre raufsetzen.

Gestritten wird also um den Dreiklang: Rentenalter, -beitrag, -höhe. Auf jeden Fall ist private Vorsorge nötig. Schon die Riester-Rente hebt nach amtlicher Prognose das Versorgungsniveau 2030 von 44,5 auf 51,2 Prozent. Und das sollte nicht alles sein, was man spart.


Die weiteren Artikel des Themen-Specials:

Über Geld, Gerechtigkeit und die Rente reden: Darf man das? An Weihnachten? Ein Vater und sein Sohn haben sich für Blickpunkt Wirtschaft auf die Interview-Couch gesetzt. Das Ergebnis: ein spannendes familiäres Zwiegespräch.

Wer seinen Lebensstandard im Alter ungefähr halten will, sollte unbedingt vorsorgen. Aber welche Vorteile haben Metall- und Riester-Rente? Und wo macht man sich am besten schlau? Ein Finanzberater gibt Tipps.

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