Vater und Sohn streiten über die Rente ? und was wir daraus lernen können: Blickpunkt Wirtschaft

Themen-Special: Altersvorsorge

Vater und Sohn streiten über die Rente – und was wir daraus lernen können

Frankenberg. Weihnachten! Fest der Liebe! Besinnliche Stunden im Kreis der Familie! Und dann ein Thema, bei dem zwischen Alt und Jung ganz schnell der Baum brennt: Rente!

Reden über Geld und Generationen-Gerechtigkeit, ausgerechnet an Weihnachten – eigentlich ein No-Go. Weil’s jede Heimeligkeit killt. Und weil uns das Thema im Wahlkampf 2017 sicher noch begegnen wird.

Für Blickpunkt Wirtschaft aber haben sich ein Vater und sein Sohn im hessischen Frankenberg auf unsere Interview-Couch gesetzt, neben einen hübsch-hässlich geschmückten Weihnachtsbaum aus Plastik.

  • Der Vater: Wolfgang Schaake, 59 Jahre alt, langjähriger VW-Mitarbeiter, seit Sommer in passiver Altersteilzeit.
  • Der Sohn: Christopher Schaake, 31 Jahre alt, Mitarbeiter in der Metall- und Elektro-Industrie. Was sollen wir sagen: War spannend …

Herr Schaake senior, Sie wirken so entspannt. Muss an der Rente liegen, oder?

Vater: So viel Ruhestandserfahrung hab ich ja noch nicht, ist ja alles noch ganz frisch. Bin erst im Sommer in die passive Phase der Altersteilzeit eingetreten.

Und? Wie war’s in den ersten Monaten?

Vater: Wird langsam langweilig. Aber morgens nicht mehr in aller Frühe rauszumüssen, das genieße ich. Den Wecker habe ich schon abgeschafft.

Und was sagt der Sohn dazu? Neidisch?

Sohn: Was für ein Quatsch! Das ist doch mein Vater! Seine Rente hat er sich verdient. Der ist über Jahrzehnte jeden Morgen ins Werk gefahren. Also soll er es sich jetzt auch mal gut gehen lassen.

Stopp! Es sich gut gehen lassen als Rentner? Geht das überhaupt? Laut Bundesregierung beträgt die monatliche Altersrente von Männern (inklusive der mit relativ wenig Beitragsjahren) derzeit im Durchschnitt 1.025 Euro, bei Frauen sind es 640 Euro.

Klingt nicht nach großen Sprüngen. Schaut man aber auf das gesamte Einkommen, sieht das schon anders aus. 2015 hatten Rentner-Ehepaare in den alten Bundesländern immerhin 2.572 Euro netto zur Verfügung (und 2.257 Euro im Osten).

Das zusätzliche Geld stammt beispielsweise aus Betriebsrenten oder privater Vorsorge.

Ihrem Vater geht es also ganz gut. Hat er sich schon bei Ihnen bedankt?

Sohn: Warum sollte er?

Sie finanzieren doch jetzt seine Rente …

Sohn: Mit meinen Beiträgen, ja. Und das ist für mich völlig okay so. So funktioniert doch unser Rentensystem, so war es schon immer: Die Jungen finanzieren die Renten der Alten. Das ist doch gar nicht das Problem. Sondern eher, dass es mehr Alte und weniger von uns Jungen gibt.

Treffer! Es gibt nicht nur weniger Kinder als früher, sondern wir leben auch immer länger. Für das Rentensystem ist das ein Problem. Mitte der 90er-Jahre kamen auf einen Rentner noch vier Erwerbstätige. Jetzt sind es nur noch drei. Und schon 2030 werden zwei Arbeitnehmer einen Rentner finanzieren müssen.

Herr Schaake junior, wann haben Sie zuletzt in Ihre Renteninformation geguckt?

Sohn: Den Schrieb hefte ich immer schnell ab. Und versuche, ihn zu vergessen.

Vater: Ja, so machst du das. Schlau ist das nicht …

Sohn: Ich will dir mal sagen, warum wir Jungen das so machen: Wenn wir uns jetzt schon Gedanken darüber machen würden, wie wenig uns später wegen der sinkenden Renten mal zum Leben bleibt, können wir uns gleich beerdigen.

Kurze Pause mal. Beerdigen, weil die Rente sinkt? Missverständnis! Renten dürfen laut Gesetz gar nicht sinken, selbst wenn der Durchschnittslohn tatsächlich mal fällt. Und weil die Löhne sehr wahrscheinlich auch künftig steigen, gibt es unterm Strich mehr Rente. Laut aktuellem Rentenversicherungsbericht wird sie schon im Jahr 2030 um nominal ein Drittel höher liegen als heute!

Sinken wird aber das „Sicherungsniveau“. Es beziffert das prozentuale Verhältnis der für einen Modellfall berechneten Rente zum Durchschnittslohn. Ein leicht geringeres Sicherungsniveau bedeutet lediglich, dass die Renten etwas langsamer ansteigen als die Löhne.

Vater: Okay, die Rentner von heute sind also fein raus.

Sohn: Deine Generation bekommt jede Menge Geschenke. Eure Rente wurde dieses Jahr dick erhöht. Die Politiker haben die Mütterrente erfunden. Und diese „Rente mit 63“ eingeführt. Und wer wird denn wohl am Ende die Zeche zahlen?

Vater: Komm, die Rentenerhöhung war überfällig.

Sohn: Sag mir, wer am Ende die Zeche zahlt, Papa!

Vater: Deine Generation.

Yep! So viel ist sicher: Mütterrente und die abschlagsfreie „Rente mit 63“ belasten die Rentenkasse bis 2030 mit 160 Milliarden Euro! Würde man jetzt, wie von verschiedenen Seiten gefordert, auch noch das heutige Sicherungsniveau einfrieren oder gar raufsetzen, hieße das: dramatisch steigende Beiträge für die Erwerbstätigen.

Herr Schaake junior, welche Erwartungen haben Sie eigentlich an Ihre Rente?

Sohn: Meine Generation erwartet im Alter keine Reichtümer vom Staat. Von uns denkt keiner, man könnte sich von der Rente mal Paläste leisten. Aber wir wollen vernünftig leben können. Die Gewissheit, die braucht man! Ich habe einfach keinen Bock auf Altersarmut …

Aber droht ihm die überhaupt? Fakt ist: Derzeit sind nur 3 Prozent der Rentner über 65 Jahre auf die sogenannte Grundsicherung vom Staat angewiesen (der Anteil der Bezieher von Hartz IV an der Bevölkerung unter 65 Jahren liegt dreimal so hoch). Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium hat ausgerechnet, dass sich daran mittelfristig nicht viel ändern wird. Selbst im schlechtesten Fall werden im Jahr 2030 nur rund 5 Prozent der Rentner staatliche Zuschüsse benötigen.

Christopher, wie lange müssen Sie eigentlich noch arbeiten?

Sohn: Noch ganze 36 Jahre. Wenn ich denn mit 67 aufhören darf.

Vater: (grinst)

Sohn: Man hört ja gerade so einiges. Dass meine Generation noch länger ranmuss. Ich will nicht mehr hinhören.

Vater: Klingt, als würden wir Älteren auf eure Kosten leben. Aber soll ich auf Rente verzichten, damit mehr übrig ist für euch?

Sohn: Verlangt keiner. Aber es sollte einfach gerecht zugehen.

Und? Ist unser Rentensystem gerecht? Experten wie der Freiburger Ökonom Professor Bernd Raffelhüschen sagen: ja! Weil: Wer mehr einzahlt, bekommt mehr Rente. Gerecht ist auch, dass der „Nachhaltigkeitsfaktor“ verhindert, dass die Jungen durch zu hohe Beiträge überfordert werden – und zugleich dafür sorgt, dass die Alten an steigendem Wohlstand teilhaben.

Und was die Diskussion über die Lebensarbeitszeit betrifft: Bis 2029 steigt die Regelaltersgrenze schrittweise auf 67 Jahre – es geht eher um die Zeit danach. Und darum, ob sich ein Teil der weiter steigenden Lebenserwartung nicht auch in späterem Rentenbeginn niederschlagen sollte.

Was ist eigentlich mit privater Vorsorge?

Sohn: Die ist wichtig!

Vater: Dann solltest du mal was zurücklegen.

Sohn: Ich spare doch!

Vater: Ja, für dein Auto. Aber nicht fürs Alter.

Auto statt Alter? Schlechte Idee! Laut Bundesregierung wird die gesetzliche Rente „zukünftig alleine nicht ausreichen, um den Lebensstandard im Alter fortzuführen“. Heißt: Kümmert euch! Tipps dazu lesen Sie hier auf Blickpunkt Wirtschaft.

Vater: Ich hätte da übrigens noch einen Top-Vorsorge-Tipp für dich. Besser als jede Rentenerhöhung.

Sohn: Lass hören!

Vater: Reich heiraten! Dann hast du keine Sorgen mehr!

Vater und Sohn: (lachen)


Die weiteren Artikel des Themen-Specials:

Immer weniger Aktive müssen die Rentner finanzieren. Deshalb sinkt das „Sicherungsniveau“ der Rente. Nun will die Politik ein Mindest-Niveau fixieren. Was das kostet, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) errechnet.

Wer seinen Lebensstandard im Alter ungefähr halten will, sollte unbedingt vorsorgen. Aber welche Vorteile haben Metall- und Riester-Rente? Und wo macht man sich am besten schlau? Ein Finanzberater gibt Tipps.

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