Bitte mehr Autobahn-Baustellen!: Blickpunkt Wirtschaft

Freie Fahrt braucht frische Pisten

Bitte mehr Autobahn-Baustellen!

Aschaffenburg. Die ehrwürdige Bundesautobahn 3, Höhe Weibersbrunn, ein Herbstmorgen. Zäh drückt sich der Verkehr durch verengte Fahrspuren über liebliche Spessarthügel. Rechts Lastwagen wie Perlen auf der Schnur, links bloß Tempo 60, mehr geht nicht. Träge sieht das aus, mühsam. Als hätten sie alle vergessen, die Handbremse zu lösen.

Aber gleich daneben, da fliegt die Kuh! Straßenwalzen wuseln über neuen Asphalt, schwarz und dampfend wie Pech, weiter vorn bringen Kipplaster frisches Schotter-Futter für mächtige Straßenbaumaschinen. Überall Arbeiter in orangen Overalls und mittendrin steht Stefan Weißkopf, der Bauleiter, und erklärt, was hier gerade so passiert. „Ausbau der A 3 auf sechs Fahrspuren, auf acht Kilometern Länge.“ Weißkopf dreht sich um, zeigt auf die alte Strecke nebenan, wo der Verkehr mittlerweile endgültig stockt, und sagt: „Ein paar Tage noch, dann sind wir fertig, und hier rollt der Verkehr endlich geschmeidig!“

Freie Fahrt auf frischer Fahrbahn – schön für alle, die demnächst durch den Spessart düsen. Bundesweit gesehen aber sind die acht sanierten Autobahn-Kilometer nur ein Tropfen auf den heißen Asphalt. Denn: Das deutsche Straßennetz, Rückgrat der Volkswirtschaft und Garant unseres Wohlstands, zerbröselt, vor allem im Westen! Weil Geld für wichtige Reparaturarbeiten fehlt!

Von der Autobahn über die Land- bis zur Dorfstraße verkommen immer mehr Verkehrswege zu bröckeligen Schlaglochpisten (siehe unten: „So schlecht steht es um unsere Straßen“). Brücken ächzen unter der steigenden Verkehrslast, längst gelten Tausende Bauwerke als Sanierungsfälle.

Jeder Berufstätige steckt fünf Tage lang im Stau

Experten mahnen immer lauter. „Der Zustand unserer Straßen ist vielerorts besorgniserregend, wir müssen rasch handeln!“, sagt beispielsweise Klaus-Peter Müller, Präsident des Deutschen Verkehrsforums in Berlin. Und Busso Grabow, Verkehrsfachmann beim Deutschen Institut für Urbanistik in Köln, spricht mit Blick auf die verrottende Verkehrsinfrastruktur gar von „einer tickenden Zeitbombe“.

Was er meint, verdeutlicht ein Blick auf die Staubilanz des ADAC. In 415.000 Staus standen sich die Autofahrer hierzulande 2013 die Reifen platt, die meisten gab es in Westdeutschland. Gesamtlänge des blechernen Stillstands: 830.000 Kilometer! Häufige Ursache: schlechter Straßenzustand.

Eine Folge davon ist horrender Zeitverlust. Im Schnitt verplempert ein Arbeitnehmer in Deutschland bereits fünf Werktage pro Jahr im Stau! Noch fataler aber sind die Auswirkungen der maroden Straßen auf die Wirtschaft. Peinlich, aber leider wahr: In der größten Volkswirtschaft Europas müssen Unternehmen mittlerweile bangen, dass dringend benötigte Güter noch pünktlich in den Werken eintreffen oder ausgeliefert werden können. Weil Schwerlaster geradezu durch die Republik irrlichtern müssen, auf der Suche nach intakten Brücken, über die sie noch fahren dürfen.

In einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) gaben 64 Prozent der Firmen an, durch Mängel im Straßennetz beeinträchtigt zu sein. Fazit der Studie: „Die Verkehrsinfrastruktur ist dabei, sich vom Standortvorteil zum Standortproblem zu wandeln.“ Verkehrsforum-Präsident Müller stößt ins selbe Horn: „Ein gutes Straßennetz war eine Stärke unseres Landes. Aber wir sind dabei, das zu verspielen.“

An Mario Wallendorf liegt das mit Sicherheit nicht. Im T-Shirt steht der stiernackige Straßenbauer auf der Baustelle an der A 3 im Spessart, der frisch verlegte Asphalt heizt mächtig von unten.

Rentenloch kommt weit vor Schlagloch

„170 Grad muss das Zeug haben“, brüllt er gegen den Lärm der Straßenbaumaschine, „wenn der Asphalt heißer ist, verbrennt das Bitumen, ist er zu kalt, kann man ihn nicht richtig verdichten, und die Straße ist schnell wieder im Eimer.“ Einen Kilometer Autobahn schafft er so mit seinem Team pro Tag.

Seit 20 Jahren malocht Wallendorf im Straßenbau, „ein paar Tage sind wir jetzt noch hier“, dann geht’s direkt zur nächsten Baustelle, eine Ortsumgehung muss ausgebessert werden. An Arbeit, so Wallendorf, mangele es ihm und seinem Team nicht. „Wir hetzen von Einsatz zu Einsatz“, sagt er, während ein Kipplaster schon neues Mischgut für die Asphaltküche rankarrt. „Aber ein paar mehr Kollegen, die würden uns guttun!“

Neue Kollegen – die Geld kosten. Und Geld gibt’s in Deutschland offensichtlich nicht genug, zumindest für den Erhalt der Straßen ist deutlich zu wenig im Topf. Knapp 5 Milliarden Euro sind laut Bundesverkehrswegeplan im laufenden Jahr für den Straßenbau vorgesehen. Klingt viel. Aber nur mal zum Vergleich: Die unlängst beschlossene „Rente mit 63“ schlägt Berechnungen zufolge jährlich mit durchschnittlich 10 Milliarden Euro zu Buche.

Ökonomen fordern daher energisch einen Nachschlag. So wären laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin jährlich 10 Extra-Milliarden für die Straßen erforderlich, um den Brösel-Trend endlich zu stoppen, dringende Reparaturen zu erledigen und die übelsten Engpässe durch Straßenneubauten zu beseitigen.

Geld genug wäre ja eigentlich auch da. Wenn, ja wenn den deutschen Straßen zugutekäme, was der Verkehr auf ihnen so alles einspielt. So spült allein die Kraftfahrzeugsteuer Jahr für Jahr stolze 8,5 Milliarden Euro in die Bundeskassen. 4 Milliarden bringt die Lkw-Maut, märchenhafte 39 Milliarden gar die Energiesteuer, früher Mineralölsteuer genannt. Wie Kleingeld muten dagegen die Einnahme-Prognosen der viel diskutierten Pkw-Maut an: gut 300 Millionen Euro pro Jahr.

Lieber Ortsumgehung als dringende Reparatur

Umso ärgerlicher klingt Jürgen Berlitz, wenn er über verrottende Brücken und miese Straßen spricht. „Wir fahren unsere Infrastruktur brutal auf Verschleiß, und der Substanzverzehr hat in den letzten Jahren sogar zugenommen“, klagt der Verkehrsexperte des ADAC.

Doch nicht nur Unterfinanzierung, sondern auch falsche Prioritäten setzten der Infrastruktur zu. „Politiker schneiden leider lieber bei neuen Ortsumgehungen das Flatterband durch, das gibt bessere Bilder als eine reparierte Straße“, ätzt Berlitz. Ein langfristiger Masterplan zur Sanierung sei dagegen nirgendwo in Sicht. „So entziehen wir unserer Zukunft die Grundlage.“

Zukunft – wie seine eigene aussehen wird, weiß Stefan Weißkopf, der Bauleiter der Spessart-Autobahn, dagegen ganz gut. „Lebenslänglich A 3“, lächelt Weißkopf. Er sitzt im Baucontainer nahe der Autobahn und schildert die Vorzüge der flammneuen acht Kilometer. Weniger Steigung, weniger Kurven als die alte Strecke aus den 50ern, „das steigert die Kapazität der Straße enorm“.

Enorm ist auch der Aufwand. Zwei Millionen Kubikmeter Erde wurden bewegt, 52 Kilometer Entwässerungsleitungen verlegt. Gesamtkosten: 100 Millionen Euro.

Für Weißkopf ganz normal: „Autobahnbau ist keine Sandkastenspielerei, sondern immer ein Langfrist-Projekt.“ Für ihn heißt das: Wenn der neue Straßenabschnitt der A 3 in ein paar Tagen freigegeben wird, wird Weißkopf sich dem nächsten Abschnitt widmen. Bis 2019 nämlich sollen die 90 Kilometer zwischen Aschaffenburg und Würzburg ausgebaut sein. Und dann? Weißkopf lächelt. „Dann werden wir wieder erste Löcher flicken müssen …“


Fakten

Sorgenkind: Die Rheinbrücke Leverkusen ist für Lastwagenverkehr gesperrt. Foto: dpa
Sorgenkind: Die Rheinbrücke Leverkusen ist für Lastwagenverkehr gesperrt. Foto: dpa

So schlecht steht es um unsere Straßen

  • Bei diesen Zahlen einer Bund-Länder-Kommission muss jeder Autofahrer schlucken: 2.600 Kilometer Autobahnstrecke sind in Deutschland in einem „kritischen Zustand“. Das sind 20 Prozent des gesamten Netzes.
  • Noch schlimmer sieht es bei Bundesstraßen aus: 41 Prozent von insgesamt 40.000 Kilometern sind sanierungsbedürftig.
  • Gleichfalls bröckelig sind große Teile der 86.000 Kilometer Landstraßen, für die die einzelnen Bundesländer verantwortlich sind. Baden-Württemberg zum Beispiel bewertete zuletzt fast die Hälfte seiner Landstraßen als „schlecht“ oder gar „sehr schlecht“.
  • Kritisch ist zudem der Zustand Tausender Brücken! Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Urbanistik zufolge müssen allein 10.000 kommunale Straßenbrücken dringend neu gebaut werden. Für eine Sanierung sind sie zu kaputt!
  • Ebenfalls marode sind viele der Brücken auf Autobahnen und Bundesstraßen. Von insgesamt 39.000 dieser Bauwerke gelten 6.000 als baufällig.

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